Neulich suchte ich für eine Freundin ein Geburtstagsgeschenk und landete schließlich in einem Geschäft in Berlin-Mitte, wo es das derzeit typische trendige Sortiment an Nippes, Geschirr und Retro-Einrichtungsgegenständen gab. Bei näherer Betrachtung führte der Laden kaum ein Objekt, das nicht rosa, babyblau, organisch geformt oder mit Blümchen, Schleifchen oder großäugigen Manga-Comicfiguren verziert war, keinen Artikel, der sich nicht weich oder flauschig anfühlte. Sogar Thermoskannen, Klobürsten und Fußabstreifer wiesen ein Kindchenschema auf. … Ich vergewisserte mich: Es war kein Laden für Kinderspielzeug, und es waren auch keine Kinder oder Teenager zugegen. „Süüüüüß!“ und „Wie niedlich!“, riefen die Kundinnen, bevor sie ein pinkfarbenes T-Shirt mit der Glitzeraufschrift „Zicke“, eine Lichterkette aus Plastikgänseblümchen oder ein Set rundlicher Kunststoff-Reisschalen zur Kasse trugen. Ich sah mich um: Das Geschäft war ausnahmslos von erwachsenen Frauen zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig bevölkert, und keiner schien der Gedanke gekommen zu sein, dass sie sich in einem Umfeld aufhielt, das ihrem Alter schon lange nicht mehr entsprach.
Dies ist lediglich eine Alltagsbeobachtung wie viele andere: Frauen weit jenseits der zwanzig verzieren ihre private und geschäftliche Korrespondenz mit Smileys; Endvierzigerinnen bezeichnen sich selbst als „Mädels“, sammeln Plüschtiere, tragen bauchfreie Hemdchen und interessieren sich mehr für Handyklingeltöne als für die konjunkturelle Lage; lolitahafte Sängerinnen feiern mit „Willdochnurspielen“ große Erfolge; die meisten Frauen sprechen mit zu hohen Stimmen; und jeder sechste Löffel Babybrei wird von einer erwachsenen Frau gegessen.
Diese Oberflächenphänomene korrespondieren jedoch mit einer tiefer liegenden Struktur unserer gegenwärtigen Gesellschaft: Weder unser Äußeres noch unser Verhalten entspricht unserem biologischen Alter, und wo wird beruflich stehen, ist meist sehr weit von dem entfernt, wo wir mal hinwollten oder wo wir sein könnten. Weil eine Vielzahl von Frauen sich nicht wie Erwachsene benehmen, traut ihnen keiner etwas zu. So landen überwiegend Männer in den guten Jobs und auf den verantwortungsvollen Posten. Und wir sitzen in der Mädchenfalle. Manche haben sich bewusst hineingeflüchtet, andere stecken eher unfreiwillig darin fest – aber raus müssen wir alle.
Das gefühlte, individuelle Versagen, das sich aus den Lebensläufen Einzelner herauslesen lässt, entspricht einem messbaren und objektivierbaren Misserfolg unseres Geschlechts. Wir haben alles erreicht, aber wir sind nirgendwo angekommen: Besser ausgebildet denn je, schaffen wir es dennoch nicht auf die Professorenstellen, in die Vorstände und in die Führungsetagen, die nach wie vor zu weit über 90 Prozent mit Männern besetzt sind. Und damit nicht genug: Eine Erhebung unter 225.000 Arbeitnehmern in Europa hat ergeben, dass in Deutschland Männer im Schnitt 20 Prozent mehr verdienen als Frauen in den gleichen Positionen. Mit diesen traurigen Zahlen ist Deutschland das Schlusslicht in Europa, wenn es um die berufliche Diskriminierung von Frauen geht … .
Wie sind wird da hineingeraten?
Wir Frauen haben alle Chancen, aber wir nutzen sie nicht. Wir studieren weiche Fächer und ergreifen „Frauenberufe“, in denen Männer mühelos an uns vorbeiziehen und unsere Vorgesetzten werden, während wir uns im Mittelfeld unserer beruflichen Möglichkeiten einrichten. Wir haben Angst vor der eigenen Courage, wenn wir Verantwortung übernehmen sollen, und landen schnell außerhalb der hierarchischen Gefechte als Freiberufler, flüchten in die Teilzeit oder rutschen von der Mädchenfalle in die Mutterfalle. Der ehemalige ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser wird gerne mit dem Satz zitiert: „Seit ich zu den Entscheidern gehöre, gucke ich mich immer um: Wo bleiben die Frauen, die unsere Jobs wollen?“ Herrn Bresser könnte ich völlig beruhigen …: Sie brauchen sich nicht umzugucken. Wir sind noch lange nicht in Sicht. Wir bleiben weit hinter dem Horizont, vollauf damit beschäftigt, mit fünfunddreißig Jahren unser viertes Praktikum zu machen, unser zweites Kind zu bekommen oder unseren Aufbaustudiengang „Kulturjournalismus“ endlich abzuschließen. Und wir sind nicht cool: Nichts ist leichter, als uns aus der Fassung zu bringen, zu verunsichern oder gegeneinander auszuspielen. Frauen sind weder gelassen noch souverän. Sie nehmen jede Kritik wie einen Angriff auf die Grundfesten ihrer Persönlichkeit, reagieren viel zu emotional und wollen Konflikte auf einer Beziehungsebene lösen, statt sie dem beruflichen Kontext entsprechend auszutragen. Das kommt den Männern sehr zupass, die uns abhängen, ausbremsen oder aus dem Job drängen. Die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hat jüngst herausgefunden, dass Männer häufiger mobben als Frauen und Frauen ein 75 Prozent höheres Risiko tragen, Mobbingopfer zu werden. Was die Männer nicht schaffen, erledigen wir spielend selbst. Im Job bekämpfen Nichtmütter die Mütter, weil sie dieser für weniger belastbar halten. Umgekehrt glauben Mütter, sie seien besser organisiert, und fühlen sich den kinderlosen Kolleginnen überlegen. Frauen in beruflichem Kontext verhalten sich untereinander nur selten solidarisch, und jede neidet der anderen den Erfolg. ...
Aber daran liegt es nicht, daß wir nach dem Studium oder in unseren Berufen nicht weiterkommen oder sogar scheitern. Vor allem nämlich stehen wir uns selbst im Weg und stolpern über lauter eigenhändig errichtete Hürden. Wir setzen uns keine Ziele, wollen es auch im Job immer nur nett und kuschlig und übernehmen bereitwillig die Rolle der Mittlerin und Moderatorin, weil wir Auseinandersetzungen scheuen. Wir freuen uns darüber, dass man uns Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit und Zuhörenkönnen attestiert, statt daß wir uns die notwendigen Hard Skills aneignen: Durchsetzungsvermögen, Verhandlungssicherheit, Fachwissen, Führungsqualitäten. In den späten achtziger Jahren stand in Karriereratgebern für Frauen noch, dass sie am Arbeitsplatz fürs Atmosphärische zuständig seien, und weibliche Führungskräfte gaben in Interviews zum Besten, dass sie in ihren Unternehmen einiges verändert hätten, indem sie im Konferenzraum eine Obstschale auf den Tisch stellten. So viel hat sich seitdem leider nicht verändert. ...
Dieses Buch ist kein Jammerbuch. Es benennt die eigenen Schwächen und die ganzer Generationen von Frauen – egal, in welcher Branche sie arbeiten. Es soll all jenen Mut machen, die einen Ausweg aus der Mädchenfalle suchen. Bestimmt sind es gar nicht so wenige, die sich selbst in den hier geschilderten Situationen wieder erkennen. Das Schöne ist ja: Es ist nie zu spät, das eigene Verhalten zu ändern, wenn man erst mal kapiert hat, woher es kommt und welche Muster ihm zugrunde liegen. Das Buch soll außerdem eine Handreichung sein für diejenigen, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Neue Generationen müssen die Fehler der vorangegangenen ja nicht unbedingt wiederholen. ...
aus:
Annette C. Anton: Raus aus der Mädchenfalle. Wie Frauen sich im Job nicht mehr selbst im Weg stehen. Berlin 2006