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Zeitzeugen-Vortrag 

"Augen, die viel zu viel gesehen haben"

Vortrag mit Erna de Vries

Erna de Vries
Erna de Vries
Erna de Vries
 

"Du wirst überleben und du wirst erzählen, was man mit uns gemacht hat" – mit diesen Worten verabschiedete sich Jeanette Korn von ihrer damals 19 Jahre alten Tochter Erna im Todeslager Auschwitz. Erna sollte ihre Mutter nie wieder sehen und überlebte selber wie durch ein Wunder.
Im Rahmen der "Zeitzeugen"-Reihe der Volkshochschule erzählte die heute 82 jährige einem gebannten Publikum von ihrem erschütterndem Schicksal und von "Augen, die viel zuviel gesehen haben". Mit ihren Vorträgen und Gesprächen, die sie auch regelmäßig in Schulklassen führen, erfüllt die seit 59 Jahren im emsländischen Lathen lebende Erna de Vries auch das Vermächtnis ihrer Mutter, denn: "Wir müssen uns erinnern, damit so etwas nicht noch einmal passiert!"
Geboren wurde Erna Korn 1923 in Kaiserslautern als einziges Kind einer jüdischen Mutter und eines evangelischen Vaters. Die "unbeschwerte Kindheit" hatte mit dem frühen Tod des Vaters und der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 ein jähes Ende. Danach nahmen Boykott, Beschimpfungen und Bedrohungen so weit zu, dass die Mutter ihr Speditionsgeschäft aufgeben musste und "wir immer einsamer wurden". 1938 wurde die heimische Wohnung schließlich von einem entfesselten Mob verwüstet und die Korns fliehen nach Köln. "An diesem Tag", so Erna de Vries, "bin ich erwachsen geworden, denn ich wusste, wir waren von nun ab vogelfrei und jeder konnte mit uns machen, was er wollte."

"Von nun ab waren wir vogelfrei"

Mit einer fast nüchternen Stimme spricht Erna de Vries das Unfassbare aus und erschüttert ihre Zuhörer ein ums andere mal. Immer wieder weist sie aber auch darauf hin, dass es "selbst in diesen Zeiten Menschen gab, die Menschen geblieben sind" und die ihr mit kleinen Gesten oder Hilfen Mut im alltäglichen Überlebenskampf machten.
Doch 1943 werden die Korns schließlich nach Auschwitz deportiert, wo "wir entkleidet, geschoren und tätowiert wurden" – und noch heute prangt die Nummer wie ein unauslöschbarer Hinweis auf das Entsetzliche auf dem linken Unterarm von Erna de Vries. Im schulterhohen Wasser muss Erna in Auschwitz Schilf ernten, bei unbeschreiblichen hygienischen Zuständen besteht ihre spärliche Nahrung aus gekochten Kartoffelschalen und Gras-Tee. Aufgrund einer schweren Erkrankung wird sie bald von ihrer Mutter getrennt und für den Todesblock 25 selektiert. In einer verzweifelten, schreienden und weinenden Menge befindet sie sich am nächsten Tag schon auf dem Weg zur Gaskammer, als sie in diesem Chaos einen SS-Mann mit einem Karteikasten in der Hand ihre Nummer rufen hört.
Nach einem letzten Abschied von ihrer Mutter wird sie nach Ravensbrück verlegt, weil sie, wie sie erst vor wenigen Jahren von einem Historiker erfuhr, aus einer sogenannten "Mischehe" stammte und als Arbeitskraft für die Kriegsmaschinerie benötigt wurde. Fast zwei Jahre muss sie noch in Ravensbrück ausharren, bis sie endlich von den Alliierten befreit wird: "Wir standen mit nichts da, aber wir waren frei."

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